Regulatorische Unsicherheit erfordert Flottenstrategien für unterschiedliche Zukunftsszenarien
Regulatorische Unsicherheit erhöht den Druck auf Reedereien, Investitionen für unterschiedliche Zukunftsszenarien nachhaltig zu planen. Strengere globale Emissionsvorschriften könnten die Einführung von Energieeffizienzmaßnahmen beschleunigen. Laut der zehnten Ausgabe von DNVs Maritime Forecast to 2050 könnte die weltweite Flotte dadurch bis 2050 bis zu 25 % weniger Energie verbrauchen als unter regionalen Regularien.
Der Bericht untersucht vier mögliche regulatorische Entwicklungen – von der Annahme des IMO Net-Zero Framework (NZF) in seiner aktuellen Form bis zu einer vollständigen Ablehnung mit anhaltender regulatorischer Blockade. Zudem werden die Folgen für Kraftstoffnachfrage, Energieeffizienzmaßnahmen sowie langfristige Kraftstoff- und Technologiestrategien für Flotten analysiert.
Cristina Saenz de Santa Maria, CEO Maritime, DNV, sagt: „Schiffe, die heute bestellt werden, sind weit über 2050 hinaus im Einsatz. Gleichzeitig bleiben zentrale Leistungsfaktoren unsicher. Regulatorische Anforderungen entwickeln sich schneller als die dafür notwendigen Kraftstoffe, Infrastrukturen und Technologien. Dadurch werden langfristige Investitionsentscheidungen sehr komplex. Die Branche benötigt mehr Klarheit und eine stärkere Abstimmung zwischen allen Beteiligten, um Vertrauen in langfristige Investitionen zu schaffen. Gleichzeitig brauchen Reedereien Strategien, die schon heute Mehrwert schaffen und zugleich gegenüber regulatorischen und marktbezogenen Veränderungen widerstandsfähig bleiben.“
Energieeffizienz ist einer der wirksamsten Hebel, die Reedereien unmittelbar nutzen können. Unabhängig vom regulatorischen Ausgang schafft sie Mehrwert – sowohl beim Neubau als auch durch Nachrüstungen. Eine Fallstudie zu hydrodynamischen Nachrüstmaßnahmen an einem 5.000-TEU-Containerschiff zeigt eine potenzielle jährliche Kraftstoffeinsparung von 16 %, mit einer Amortisationszeit von etwa einem bis vier Jahren, je nachdem wie sich zukünftig Kraftstoffpreise entwickeln. Nachrüstungen können bei vielen Schiffstypen ähnliche Mehrwerte schaffen und lassen sich bei ausreichender Planung in der Regel während eines regulären Klassenerneuerungs-Dockings durchführen.
Die Marktentwicklung maritimer Kraftstoffe mit niedrigen Treibhausgas (THG)-Emissionen bleibt eine zentrale Herausforderung. Zwar wurden erhebliche Fortschritte erzielt, Schiffe für alternative Kraftstoffe auszurüsten. Die Skalierung der Kraftstoffproduktion hängt jedoch davon ab, ob ausreichend Vertrauen in eine künftige Nachfrage entsteht. DNV prognostiziert, dass die Schifffahrt einen Bedarf an Kraftstoffen mit niedrigen THG-Emissionen je nach regulatorischen Entwicklungen bis 2030 zwischen 4 und 22 Millionen Tonnen Öleinheit (Mtoe) und bis 2050 zwischen 33 und 185 Mtoe haben wird. Deren Einführung wird auch durch die künftige Nutzung von Landstrom, Plug-in-Hybridisierung, Kernenergie und Onboard-Carbon-Capture-Systemen beeinflussen.
Aktuelle Projektplanungen deuten auf ein maximales weltweites Angebot von alternativen Kraftstoffen von 270 Mtoe bis 2030 hin. Die tatsächlichen Mengen dürften jedoch aufgrund von Verzögerungen und anderen Unsicherheiten niedriger ausfallen. Zudem wird die Schifffahrt mit anderen Branchen um ihren Anteil konkurrieren müssen. Gleichzeitig unterscheiden sich die Kosten zur Emissionsminderung je nach Kraftstoffpfad erheblich. Die Vermeidungskosten liegen zwischen etwa 180 und 1.290 USD pro vermiedener Tonne CO₂. Dies zeigt, wie wichtig Regulierung und Marktanreize sind, damit sich Märkte für Kraftstoffe mit niedrigen THG-Emissionen entwickeln können.
Øyvind Sekkesæter, Hauptautor des Maritime Forecast to 2050, sagt: „Die Szenarien im diesjährigen Bericht zeigen, wie stark unterschiedliche regulatorische Entwicklungen die Einführung von Energieeffizienzmaßnahmen, die Kraftstoffnachfrage und damit auch die THG-Emissionen beeinflussen können. Indem Reedereien Kraftstoff- und Technologieentscheidungen in unterschiedlichen Szenarien testen, können sie Strategien entwickeln, die schon heute Mehrwert schaffen und zugleich Flexibilität sichern – auch wenn sich Regulierung, Kraftstoffverfügbarkeit, Preise und Technologien weiterentwickeln. Welche Strategien ein Unternehmen wählt, hängt außerdem vom Flottentyp und dem jeweiligen operativen Umfeld ab.“
Zentrale Ergebnisse des Berichts:
- Unterschiedliche regulatorische Zukunftspfade sind möglich, während die IMO die Verhandlungen über das Net-Zero Framework fortsetzt. Das Ergebnis wird Investitionsentscheidungen, die Einführung von Kraftstoffen mit niedrigen THG-Emissionen und den Einsatz von Energieeffizienzmaßnahmen in der weltweiten Flotte prägen.
- Durch globale regulatorische Anreize könnte die Weltflotte bis 2050 25 % weniger Energie verbrauchen als bei rein regionaler Regulierung.
- Energieeffizienz zahlt sich unabhängig vom regulatorischen Umfeld aus: Eine Fallstudie zu einem 5.000-TEU-Containerschiff zeigt jährliche Kraftstoffeinsparungen von 16 % durch hydrodynamische Nachrüstungen.
- Die Nachfrage der Schifffahrt nach Kraftstoffen mit niedrigen THG-Emissionen könnte je nach regulatorischem Ausgang und Verfügbarkeit in einem wettbewerbsintensiven globalen Markt bis 2030 zwischen 4 und 22 Mtoe und bis 2050 zwischen 33 und 185 Mtoe liegen.
- Aktuelle Projektpipelines deuten darauf hin, dass bis 2030 maximal 270 Mtoe verfügbar sein könnten. Die tatsächlichen Mengen könnten jedoch aufgrund von Projektverzögerungen und anderen Unsicherheiten niedriger ausfallen. Zudem wird die Schifffahrt mit anderen Branchen um ihren Anteil konkurrieren müssen.
- Das Simulieren von Kraftstoff- und Technologiestrategien über verschiedene Szenarien hinweg kann Reedereien helfen, robuste Entscheidungen für die Transformation zu treffen. Das Testen, Pilotieren und Verifizieren von Technologien liefert verlässliche Leistungsdaten und schafft mehr Sicherheit für Investitionsentscheidungen.
Eine Ausgabe des Berichts erhalten Sie hier.